Der Jäger vom Achensee
Jagdausflug · Österreich
Der Jäger
vom Achensee
Ein Morgen in Seeberg, an dem sich zeigt, was in einer schnelllebigen Zeit selten geworden ist: Ruhe, Geduld und ein Blick für das, was nicht sofort sichtbar ist. Peter Paul Kofler ist schon vor der Sonne im Revier unterwegs, aufmerksam, leise, ganz bei dem Gelände, das er kennt und verantwortet. Ein Jagdbericht.
Text & Fotos: Florian Wagner
Noch liegt der Achensee dunkel und still am Fuß des Berges. Die letzten Schatten der Nacht bedecken ihn, und das Wasser spiegelt nichts außer diesem tiefen, gleichmäßigen Blau vor dem ersten Licht. Unten am Ufer ist kaum etwas in Bewegung. Nur an einem Zipfel, dort, wo das frühe Licht die Seekarspitze bereits berührt, beginnt die Landschaft zu erwachen: Feuchte Luft steigt aus dem Gras, der Frühnebel hängt zwischen den Latschen und dem grauen Kalkfels, eine Ringdrossel ruft einmal kurz und verstummt wieder. Eine Ruhe, die dennoch nie leise ist.
Wenn an solchen Morgen Nebelbänke langsam über den See ziehen und sich das erste Sonnenlicht an den Kalkwänden bricht, scheint es beinahe, als könnte jeden Augenblick ein schmaler Holzkahn lautlos über das Wasser gleiten. Darin ein hagerer Mann in Harnisch, die Armbrust gespannt, die Lanze griffbereit. Es ist ein Bild, das sich am Achensee fast von selbst einstellt, die Erinnerung an Kaiser Maximilian I., der hier einst jagte und den See zu einem seiner liebsten Rückzugsorte machte. Seit Jahrhunderten zieht er Menschen in seinen Bann. Seine Stille wirkt zeitlos – und genau darin liegt seine Kraft.
Ein Gelände, das man lesen muss
Bevor die Sonne den See vollends erreicht, klettert Peter Paul Kofler den Abhang hinauf. Sein Schritt ist sicher, sein Blick wach, der Kalkschutt knirscht unter seinen Sohlen. Der 43-Jährige bleibt kurz stehen, hört in den Hang hinein, geht langsam weiter. Seeberg am Achensee ist sein Terrain – seit vier Jahren bewirtschaftet er dieses Revier, kennt seine Kanten, seine Lichtungen, seine Übergänge zwischen offenem Grasband und Zirbenwald.
Er weiß, wo das Wild äst, wenn der Morgen klar ist, und wohin es sich zurückzieht, wenn der Wind dreht. Wer ihm folgt, merkt schnell, dass er das Gelände nicht nur begeht, sondern liest. Jeder Windhauch, jedes frische Trittsiegel, jede verbissene Latsche erzählt eine Geschichte. Es ist eine Art des Sehens, die sich nicht aus Lehrbüchern lernen lässt, sondern nur durch viele Jahre draußen entsteht.
Heute sind er und sein Jagdgast Elias Feldmeier aus Oberammergau hinter einer alten Gamsgeiß her. Elias ist ein junger, gut trainierter Landschaftsgärtner, groß geworden in den Ammergauer Alpen und Mitglied der heimischen Bergwacht. Er kennt die Gefahren der Berge von klein auf und bewegt sich sicher zwischen den rutschigen Felsen und Latschen im Steilhang.
Das Gamswild am Seeberg hält sich in diesen Stunden gern an den grasigen Steilhängen zwischen Latschenfeldern und Blockhalden auf, tagaktiv, früh in Bewegung, misstrauisch und mit Sinnen ausgestattet, die auf diesem Gelände jede Unaufmerksamkeit bestrafen. Ihr Geruchssinn ist außerordentlich, ihr Gehör scharf, und bei Gefahr gibt sie mit einem kurzen, gepressten Pfiff Alarm, der durch das ganze Gelände trägt.
Kofler weiß das. Er nähert sich nicht geradewegs, er arbeitet sich seitlich vor, nutzt jede Kuppe, jeden Geländevorsprung, bleibt tief, wenn der Wind aus dem Tal heraufkommt. Hast ist hier fehl am Platz. Die Berge verzeihen keine Ungeduld – weder dem Wild noch dem Jäger.
Es gibt Jäger, die die Jagd als Abfolge von Entscheidungen beschreiben. Gehen oder warten, schießen oder zurückhalten, jetzt oder beim nächsten Mal. Kofler würde das so wohl nicht sagen. Für ihn steckt mehr dahinter: ein langer Atem, eine Bereitschaft zur Stille, der Respekt vor dem Wild, der sich nicht als Sentiment äußert, sondern als Haltung.
Er kommt aus der Landwirtschaft in Südtirol, 1982 in Meran geboren, aufgewachsen mit dem Rhythmus der Jahreszeiten, des Bodens, der Tiere. 2012 legt er die Jagdprüfung ab und arbeitet sich durch mehrere Reviere in Nordtirol vor. 2020 zieht es ihn nach Innsbruck. Wenig später gründet er im Zillertal das Jagdgeschäft KUK Jagd und Waffen, ein Geschäft, das in der Szene einen Ruf hat, weil es für Ehrlichkeit steht: Ausrüstung, die draußen wirklich funktioniert, Beratung, die weit über den Kauf hinausgeht.
„Der Achensee ist ein edler See, reich an Fischen und Wild, und wohl geeignet zu Jagd und Fischerei.“ Kaiser Maximilian I.
Zwischen Seebergspitze und Seekarspitze
Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb er in diesem Gelände so selbstverständlich wirkt. Er versucht nicht, den Bergen etwas abzuringen. Er bewegt sich in ihnen, als wäre er Teil ihres Rhythmus. Wer hier in diesem Gelände mit ihm unterwegs ist, versteht, warum. Der Seeberg ist kein einfaches Revier.
Die Osthänge am Kamm zwischen Seebergspitze und Seekarspitze sind ein Biotopkomplex aus alpinen Rasen, Schutthalden, Felsgesellschaften und Krummholzbeständen, schwer zugänglich, steil, wechselhaft.
Im Sommer äsen Gams und Steinbock bis auf über 2.000 Meter Höhe, im Winter treiben sie der Schnee und der Hunger in tiefere Lagen, in die lichten Bergwälder, manchmal sogar bis ans Seeufer. Über allem kreisen Steinadler – der Naturpark Karwendel beherbergt die größte Steinadlerdichte der Alpen – und manchmal hält man inne, weil ein Schatten über den Hang fährt, zu groß für einen Bussard, zu ruhig für irgendetwas anderes.
Seit Jahrhunderten fordert diese Landschaft jene heraus, die sie betreten. Die schroffen Hänge waren nie bequem, nie leicht zugänglich. Gerade das machte ihren Reiz aus. Schon lange bevor Wanderwege markiert und Gipfel in Tourenführern beschrieben wurden, galt der Seeberg als anspruchsvolles Jagdterrain, das Aufmerksamkeit, Kondition und ein feines Gespür für Wind und Gelände verlangte.
Der Moment des Schusses
So vergehen Stunden. Der erste Pirschgang bringt eine Gruppe, aber der Wind steht nicht, das Gelände verrät Kofler und seinen Jagdgast Elias zu früh, die Geiß dreht ab, lautlos, wie Gamswild das kann. Und der Hang ist wieder leer.
Der zweite Versuch führt höher hinauf, über losen Schutt und feuchtes Gras, durch einen Riegel aus Latschen, die nach Harz riechen und nach Sonnenwärme, die noch nicht ganz angekommen ist. Dann, im dritten Anlauf, steht sie: die alte Geiß, ruhig auf einem Grashang über einer Geländekante, den Kopf leicht gehoben, die Krucken dunkel gegen den hellen Kalkfels.
Siebzehn Jahre alt, sagt Kofler später. Man sieht es an den Zähnen, an der Körperhaltung, an diesem bestimmten Gleichmut, mit dem alte Gamsen im Gelände stehen, als gehörten sie zum Felsen selbst.
Der Schuss fällt gedämpft. Die Ausrüstung erlaubt dies: Ein modernes Jagdgewehr mit Schalldämpfer schont das Gehör und stresst das umliegende Wild erheblich weniger als ein freier Knall, der durch ein ganzes Tal hallt.
Die Geiß zeichnet kurz, dann liegt sie. Und dann ist es still – wirklich still, auf eine Art, wie es nur nach einem solchen Moment ist, wenn man begriffen hat, dass man gerade Teil eines Kreislaufs war, der älter ist als jede Jagdprüfung und jedes Jagdgesetz.
Kaiser Maximilian und der Achensee
Diesen Kreislauf kannte auch Kaiser Maximilian I., der an diesem See jagte, lange bevor er zu einem der bedeutendsten Herrscher Europas wurde. Für ihn war der Achensee weit mehr als ein Jagdgebiet. Er war Rückzugsort, Bühne und zugleich ein Ort, an dem Politik und Natur auf bemerkenswerte Weise ineinanderflossen.
Wann immer ihn Feldzüge, Hofintrigen oder die ständige Geldnot des Hauses Habsburg belasteten, zog es ihn hinaus in die Berge Tirols. Hier konnte er für einige Stunden Kaiser und Staatsmann hinter sich lassen und ganz Jäger sein. Zeitgenossen beschrieben ihn als rastlosen Menschen voller Energie, als hervorragenden Reiter, Bogenschützen und Waidmann – einen Mann, der Bewegung brauchte wie andere die Ruhe.
Der Achensee gehörte zu seinen Lieblingsorten. Oft jagte er vom Boot aus – mit Armbrust, Lanze und später den ersten Feuerwaffen seiner Zeit. Ein gefährliches Unterfangen auf dem Wasser, bei dem Geschick ebenso gefragt war wie Mut. Was heute mit hochpräziser Technik geschieht, verlangte damals größte körperliche Kraft und nicht selten ein gehöriges Maß an Wagnis.
Die Landschaft allerdings hat sich kaum verändert. Dieselben Hänge steigen über dem See empor, dieselben Felsbänder ziehen sich durch den Kalk, dieselben Winde streichen aus dem Karwendel über das Wasser. Gute Jagd beginnt damals wie heute mit Geduld, Beobachtungsgabe und dem Respekt vor dem Wild.
Eine frühe touristische Tradition
Wer heute am frühen Morgen am Seeberg unterwegs ist, blickt auf nahezu dieselbe Kulisse, die Maximilian vor über fünfhundert Jahren faszinierte. Der Kaiser ließ am Achensee das Fürstenlusthaus errichten – weit mehr als eine Jagdhütte. Hier empfing er Fürsten, Diplomaten und Vertraute, diskutierte Politik und schmiedete Pläne. Zugleich entstand damit das erste touristische Gebäude Tirols.
Schon damals sollte der Achensee Menschen beeindrucken. Mit seiner Landschaft, seiner Wildnis und der besonderen Atmosphäre zwischen Wasser und Fels.
Wenn Maximilian heute neben Peter Paul Kofler stehen würde und eine moderne Gebirgsbüchse mit Carbonlauf, leistungsstarker Optik und Schalldämpfer in die Hand bekäme, würde er vermutlich zunächst schweigen. Zu groß ist der technische Sprung von der Armbrust zur Präzisionswaffe des 21. Jahrhunderts. Doch wahrscheinlich würde ihn weniger die Technik beeindrucken als die Erkenntnis, dass sich das Wesentliche kaum verändert hat.
Als die beiden Jäger bei der Geiß knien, ist der Morgen inzwischen weit fortgeschritten. Der See unten leuchtet jetzt hell, das erste Tagesboot hat das Ufer verlassen, irgendwo in der Ferne läuft ein Wanderer den Seebergsteig hinauf. Der Naturpark Karwendel verträgt all das, solange jeder weiß, welche Rolle er spielt.
Kofler weiß es. Er ist Jäger, Landwirt, Unternehmer und Pächter in einem, und all das hängt zusammen. Die Jagd gibt seinem Leben einen Rahmen, eine Pflicht zur Genauigkeit, eine Verantwortung für etwas, das über den einzelnen Tag weit hinausgeht.
Vielleicht ist genau das das Besondere an diesem Ort. Die Waffen sind leichter geworden, die Optiken präziser, die Ausrüstung leistungsfähiger. Doch der Berg verlangt noch immer dieselbe Demut wie vor Jahrhunderten. Wer hier unterwegs ist, bewegt sich nicht nur durch eine beeindruckende Landschaft, sondern auch durch eine Geschichte, die bis heute weitergeschrieben wird – Schritt für Schritt, Pirsch für Pirsch. Ein stilles Selbstverständnis. Das Revier trägt ihn. Und er trägt das Revier.
Mit dem Bau des Lusthauses in Pertisau schuf Kaiser Maximilian nicht nur ein Quartier für seine Jagd- und Fischereiaufenthalte, sondern legte auch den Grundstein für eine frühe touristische Tradition am Achensee.