45.000 Kilometer zwischen Staub & Sternen
Roadtrip
45.000 Kilometer
zwischen Staub & Sternen
Ein Jahr lang tauscht eine fünfköpfige Familie Alltag gegen Abenteuer und folgt mit einem umgebauten MB Vario 609D der Sehnsucht nach Freiheit. Von der Seidenstraße bis zur Sahara, von der Steppe bis zum Polarkreis erleben sie die Welt mit all ihren Widersprüchen. 45.000 Kilometer später bleibt vor allem eine Erkenntnis: Die größten Abenteuer sind oft die Begegnungen unterwegs.
Text: Florian Ziegler | Fotos: Katharina & Florian Ziegler
Der alte, verrostete Schiffscontainer dient als Büro. Mitten in der Steppe. Ich werde hereingebeten. Der Raum ist kahl, die Luft riecht nach altem Papier und dem bleischarfen Aroma sowjetischer Geschichte. Ein Metallspind, eine Pritsche mit einer kratzigen Armeedecke, ein Schreibtisch aus dunklem Holz, darauf einige Zettel. Vor mir sitzt ein junger Mann in blauer Bügelhose und mit blondem Bürstenhaarschnitt. Das perfekte Abziehbild eines KGB-Agenten. Wortlos streicht er über die Decke auf der Pritsche. Eine beiläufige, beinahe zärtliche Geste, die die Anspannung im Raum nur noch verstärkt. Dann schiebt er mir einen der Zettel zu. Es ist ein Fragebogen, der es in sich hat. „Wie ist Ihr Verhältnis zu Russland? Wem gehört die Krim? Haben Sie Freunde in der ukrainischen Armee?“
Wir stehen an der Grenze zwischen Russland und Kasachstan. Irgendwo im Nirgendwo. Draußen wartet Katharina mit unseren drei Kindern im Wohnmobil: Lilly (10), Greta (8) und Frieda (4). Drinnen entscheidet die Auswertung dieses Fragebogens darüber, ob unsere Reise durch 27 Länder und drei Kontinente weitergeht oder ob unser Abenteuer endet, bevor es überhaupt richtig begonnen hat.
Die Szene wirkt wie aus einem Spionagethriller. Trotz gültiger Visa sind wir der russischen Staatsmacht in diesem Moment ausgeliefert. Jetzt können wir nur noch hoffen, dass den Grenzbeamten unsere Antworten gefallen. Es folgen bange Minuten des Wartens. Dann endlich können wir aufatmen: Wir dürfen weiter.
Es ist nur ein kleiner Moment und doch zeigt er uns, auf welches Abenteuer wir uns eingelassen haben. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass uns die rund 800 Kilometer durch Russland, durch Tschetschenien, Dagestan, Inguschetien und Kalmykien ebenso das andere Gesicht des Landes gezeigt haben: das eines alten, herzlichen Fischers an der Wolga, der begeistert von seiner Zeit als Soldat in Magdeburg erzählt. Oder das eines sympathischen Grenzsoldaten in der buddhistisch geprägten autonomen Republik Kalmykien, der uns als deutsche Familie nicht mit Misstrauen, sondern mit entwaffnender Offenheit begegnet. Wir sprechen auf Augenhöhe, getragen von ehrlicher Neugier auf beiden Seiten. Es ist die erste große Lektion unserer am Ende mehr als 45.000 Kilometer langen Reise: Die Welt ist selten so, wie wir sie aus den Nachrichten kennen. Weder schwarz noch weiß. Sie ist vor allem eines: vielschichtiger, als wir glauben.
Rückblick: Wie alles begann
Mitte Februar 2020. Wir haben Elternzeit und große Reisepläne. Dann trifft Corona die Welt mit voller Wucht. Plötzlich geht nichts mehr. Genau in diesem Moment, als wir mental am Boden sind, entsteht die Idee zum größten Abenteuer unseres Lebens: eine Weltreise. Ein Jahr lang. Zu fünft. Im Wohnmobil. Fast vier Jahre später, im Juli 2024, ist „Trude“ endlich startklar: ein von der Campermanufaktur Birdbus individuell ausgebautes Expeditionsmobil auf Basis eines 33 Jahre alten Mercedes Vario 609D. Es soll uns auf das Abenteuer seines – und unseres – Lebens begleiten.
Es ist der Beginn der Sommerferien, doch wir müssen uns sputen. Der Weg nach Zentralasien, unserem ersten großen Etappenziel, führt über die einzige geöffnete Grenze zwischen Georgien und Russland. Wer auf dem Rückweg nicht spätestens im November wieder hier ist, hat ein Problem: Dann wird die georgische Heerstraße wegen Lawinengefahr häufig für mehrere Monate gesperrt. Einen Winter mit Temperaturen von bis zu minus 30 Grad möchten wir auf keinen Fall im Wohnmobil verbringen. Also heißt es: losfahren.
Dabei fühlen wir uns auf vieles vorbereitet. 1.500 Watt Solarleistung, ein 250-Liter-Frischwassertank, Bad, Dusche und fünf Schlafplätze auf gerade einmal 6,30 Metern Fahrzeuglänge sollen uns autark durch drei Kontinente tragen. Über die Seidenstraße bis an die chinesische Grenze, durch die Sahara und hinauf bis zum Polarkreis. Am Ende werden es 27 Länder, sieben autonome Republiken, drei Kontinente und mehr als 45.000 Kilometer – fast einmal um die halbe Welt.
Unser Oldtimer fliegt. Zumindest fühlt es sich so an. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 70 km/h, einer Spitzengeschwindigkeit von 105 km/h und manchmal gerade einmal 30 km/h am Berg rollt er durch das nordische Baltikum, das heiße Südosteuropa, über die majestätischen Hochebenen Anatoliens, durch den wilden Kaukasus und das mystische Wolga-Delta. Weiter geht es über die endlosen Steppen Kasachstans, durch die schroffen Berge Kirgistans bis in die märchenhaften Seidenstraßenstädte Usbekistans.
Getriebene des Staunens
Wir sind rastlos. Selten bleiben wir länger als eine Nacht an einem Ort. Wie Getriebene des Staunens saugen wir Gerüche, Geschmäcker, Farben und Landschaften auf, sammeln Begegnungen, Gespräche und Geschichten. Immer auf der Suche nach neuen Kulturen, neuen Perspektiven und dem nächsten Horizont. Nur 80 Tage später erreichen wir Georgien erneut. Hinter uns liegt Zentralasien und wir haben schon jetzt genügend Geschichten erlebt, um damit mehrere Reisen zu füllen.
Wir haben die staubigen Pisten und endlosen Weiten Kasachstans durchquert, standen nur 20 Kilometer vor der chinesischen Grenze und blickten hinüber in das riesige Reich, das uns verschlossen blieb, weil kein englischsprachiger Guide verfügbar war. Wir haben allein zwischen Ruinenstätten in der usbekischen Wüste übernachtet und uns dabei gefühlt wie Indiana Jones. Kamel- und Yakherden, Steppenadler und lebensgefährliche Schlangen begegneten uns aus nächster Nähe.
Für einen kurzen Moment wurden wir sogar selbst zu Social-Media-Stars: Eine chinesische Bloggerin in Georgien mit mehr als zehn Millionen Followern stellte unsere Reise vor, ebenso die erste Supermarktkette Usbekistans, die uns als erste ausländische Besucher ihrer Filiale präsentierte. Wir kauften einem Lkw-Fahrer mitten in der Wüste seine Ersatzkanister ab, um nicht mit leerem Tank liegen zu bleiben. Zweimal mussten wir uns bei der kirgisischen Polizei freikaufen, um deutlich höhere Strafen abzuwenden. Wir landeten auf einer kasachischen Hochzeit, liefen über einen riesigen Salzsee und badeten allein in gefluteten Kiesgruben. Auf einer noch nicht eröffneten Autobahn in Usbekistan rollten wir über nagelneuen Asphalt und probierten uns durch die pferde- und hammelfleischlastige Küche Zentralasiens.
In Georgien genießen wir noch einmal das Freistehen inmitten majestätischer Landschaften, bevor in der Türkei und Griechenland Kultur und Natur auf einzigartige Weise miteinander verschmelzen. Das Fauchen der startenden Heißluftballons über Kappadokien, der überwältigende Anblick der weißen Kalksinterterrassen von Pamukkale und das Schwimmen mit den größten Meeresschildkröten der Welt begeistern uns alle. Gleichzeitig werden die zahlreichen antiken Stätten – von Troja über Olympia, Mykene, Epidaurus und Delphi bis hin zu den schwebenden Klöstern von Meteora – für unsere Kinder zu einem Geschichtsunterricht, den kein Klassenzimmer ersetzen kann. Wie passend, dass genau diese Themen gerade auf ihrem Lehrplan stehen. Wir müssen an die Worte eines Schulleiters denken: Das wahre Leben ist eben doch die beste Schule.
Eine Familie auf Zeit
Weihnachten rückt näher. Seit einem halben Jahr sind wir inzwischen unterwegs. Es zieht uns an den Elea Beach in Griechenland. Während wir in zweieinhalb Monaten Zentralasien gerade einmal zwei Familien begegnet sind, erwartet uns hier eine völlig andere Welt: ein alternatives Winterdorf aus mehr als 150 autarken Wohnmobilen, verteilt auf drei Kilometer eines wilden Sandstrandes im Westen des Peloponnes.
Unsere Kinder bauen Hütten im Dünensand, während die Erwachsenen ihre Lebens- und Reisegeschichten teilen. Singles, Paare, Familien in Elternzeit, Langzeitreisende, Aussteiger und Abenteurer treffen hier zusammen. So unterschiedlich ihre Lebenswege auch sind, sie alle verbindet dieselbe Sehnsucht nach Freiheit. Elea ist ein Ort zum Durchatmen, Auftanken und Ankommen. Zum ersten Mal seit Beginn unserer Reise bleiben auch wir länger als eine Woche an einem Ort. Aus Fremden wird eine Gemeinschaft, aus dieser Gemeinschaft eine Familie auf Zeit.
In nur sieben Tagen umrunden wir beinahe das halbe Mittelmeer und fahren vom Osten Europas bis in den Süden Spaniens.