Reise im Strom

Text: Carmen Kuntz

Fotos: Rozie Bregar, Rok Rozman


Stell dir einen Fluss vor, der als leises Wispern aus einem Felsspalt quillt, durch enge Schluchten murmelt und dann auf weiten Kiesbänken wie ein Löwe herausbrüllt. Ein Strom, der durch steile Geröllfelder donnert, an alten Dörfern vorbeiplätschert und über moderne Betonbarrieren hinwegsummt, bevor er stillschweigend in der salzigen Adria untertaucht. Das ist die Soča in Slowenien – türkisblau, ungezähmt, ein Abenteuer auf eigenen Wellen. Dies ist die Geschichte einer Reise von der Quelle bis zum Meer, bei der unsere Kajaks die Transportmittel sind, der Fluss aber der unfehlbare Führer.

Wir sind eine bunte Truppe, zusammen- gewürfelt wie Kiesel aus dem Flussbett. Ein Biologe, der leidenschaftlicher Fischer ist. Ein Veganer, der als Musiker durchs Leben paddelt. Ein Jäger, der zugleich Ornithologe ist. Alle Slowenen, geprägt vom Fluss, den sie seit Jahrzehnten bezwingen. Und ich, die einzige Ausländerin, Kanadierin und ­ Schriftstellerin, die an die Soča ihr Herz – und ihre Seele – verlor. Wir meisterten schon viele solcher Trips, vier Freunde, verbunden durch die pure Freude am Paddeln, die Leichtigkeit des Dahingleitens. Das hier ist kein First Descent, kein Speed-Rekord. Wir nehmen uns sechs entspannte Tage, um das Wasser zu genießen, die Gemeinschaft zu feiern und mit eigener Muskelkraft die Soča zu erkunden – von den Julischen Alpen bis zur Adria.

In einer Welt, in der die meisten Flüsse von den Narben menschlichen „Fortschritts“ gezeichnet sind – Dämme, Kanäle, Talsperren –, ist das Privileg, einen Strom von der Quelle bis zum Meer paddeln zu können, purer Luxus. Verbindet man diesen mit einer Vielfalt an Wildwasser, atemberaubenden Landschaften und den ersten warmen Frühlingstagen, erhält man ein Abenteuer, das wie eine sündige Belohnung schmeckt. Wir fangen nicht im Kajak an, sondern zu Fuß, füllen unsere Trinkflaschen an der Quelle der Soča: ein winziges, glucksendes Becken, das aus einem Riss in der Felswand in den Julischen Alpen genährt wird, weit nördlich von Bovec. Doch die Reise beginnt wirklich, als wir Wanderstiefel gegen Wasserschuhe tauschen und bei Velika Korita – der ersten offiziellen Einstiegsstelle – ins türkise Wasser gleiten. Der Fluss umarmt uns sofort, kühl und einladend.

Meine zweite Source-to-Sea-Fahrt auf der Soča, die erste liegt fast acht Jahre zurück, während der Balkan Rivers Tour. Organisiert von der slowenischen Fluss-Schutzbewegung Balkan River Defence, gegründet vom Biologen und Wildwasser-Paddler Rok Rozman, bin ich als eine von vielen Kajakfahrerinnen dabei – manche nur für einen Tag, andere für die volle Distanz. Es ist eine der unzähligen Aktionen der NGO in den letzten zehn Jahren, die auf der Idee der „Paddle- Protest-Party-Petition“ basiert. Ziel: Die Wahrnehmung ändern. Verdeutlichen, dass Wasserkraft „grüne“ Energie ist und moderne Naturschutzansätze aufzeigen, um Flüsse wirklich zu verstehen. Um einen Fluss effektiv schützen zu können, musst du ihn verstehen. Und wie könnte man das besser erreichen, als ihn mit einem Kajak zu befahren?

Damals ist der Fluss lauter, der Trip hektischer – mit Stopps für Interviews, Pressekonferenzen und diversen Aktionen. Für mich, aufgewachsen im Kanu auf den Seen Nord-Ontarios, ist es eine Offenbarung. Die Aktion verdeutlicht mir die verwobene Beziehung von Kultur und Natur, die Europa seit Jahrtausenden balanciert – ein Gleichgewicht, das im letzten Jahrhundert immer stärker ins Wanken gerät. Dieses Mal ist alles etwas anders…