Im Sattel durch das Okavango

TEXT & FOTOS Florian Wagner

Das Okavango-Delta im Norden Botswanas ist kein Ort, an dem sich Routinen abspulen oder Erwartungen erfüllen. Er folgt seinen eigenen Regeln – die Natur bestimmt den Takt, nicht der Mensch. Das Delta folgt seiner eigenen Dynamik: Es liegt mitten in einer der trockensten Regionen Afrikas, der Kalahari, und verwandelt sich dennoch jedes Jahr in ein riesiges, wasserreiches Ökosystem. Sein Rhythmus widerspricht unseren Vorstellungen von „Normalität“: Die jährliche Flut erreicht das Delta in der Trockenzeit, während in umliegenden Gebieten Dürre herrscht. Tiere, Landschaft und Licht verändern sich täglich. Damit entzieht sich das Delta dem menschlichen Bedürfnis nach Kontrolle und Vorhersehbarkeit. Nichts bleibt konstant. Es lebt in einem eigenen, unberechenbaren Gleichgewicht, das „Gewohnheit“ im wahrsten Sinne unmöglich macht.

Wasser, das aus Angola durch alte Flussadern in die Kalahari fließt, verliert sich hier – nicht in einem Meer, sondern in einer endlosen Weite aus Sümpfen, Palmeninseln und Licht. 20.000 Quadratkilometer pure Schönheit. Millionen Tiere leben in diesem „Garten Eden Afrikas“. Elefantenherden ziehen durch das knietiefe Wasser, Antilopen äsen zwischen Lilien, Wildhunde jagen in der Morgendämmerung, Leoparden liegen lässig auf Baumästen – ein Gleichgewicht aus Bewegung und Stille, das nur existiert, solange das Wasser seinen Weg findet.

Für meine Freundin Regina und mich ist das Delta mehr als ein Reiseziel. Es ist ein Sehnsuchtsort. Wir waren schon einmal hier – 2018, während unseres Projekts African Waters. Zehn afrikanische Länder, zehn Flüsse, eine große Geschichte über die Ressource, ohne die alles Leben endet: Wasser. Ein Foto, aufgenommen unweit von Camp Macatoo, wurde später zum Titelmotiv unseres Buches. Und die Begegnung mit John Sobey, dem Mitgründer des Camps Macatoo, einem einzigartigen Spot mitten in der Wildnis, blieb hängen – so sehr, dass wir be- schlossen, eines Tages zurückzukehren. Jetzt sind wir wieder hier.

FRÜHLICHT IM BUSCH – ANKUNFT IM PARADIES

Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, als das erste Licht den Horizont berührt, der über den Wasserarmen und Papyrusinseln hängt. Das Delta empfängt uns in diesem typisch tastenden Licht des Morgens – kein Himmel wie anderswo, sondern ein atmendes Grau, das sich langsam erwärmt. Über den Zelten tropft Tau von den Planen, im Hintergrund das Schnauben der Pferde. Tee, heiß, auf dem Tablett, dazu Gebäck – so beginnt unser Tag. John Sobey begrüßt uns herzlich, bevor er wieder verschwindet. Vieles läuft hier still. Die wahren Stimmen des Camps gehören unseren Guides, die uns in den nächsten Tagen führen werden: Chief und Bongwe. Chief, im Delta geboren, ist ein Mann, der seine Umgebung liest wie andere ein Buch. Mit zwölf ritt er die ersten Pferde ohne Sattel, später besuchte er die Guide-Schule in Maun. Heute führt er die Ausritte durch das Okavangodelta mit einer Souveränität, die eine beruhigende Wirkung hat. Bongwe, der Jüngere, stammt aus Gweta, nahe den Salzpfannen der Makgadikgadi. Er kam über die Stallarbeit zum Guiding – Pferde, Busch, Tierkunde. Abends, wenn das Feuer knistert, unterhält er uns mit perfekten Imitationen von Tierstimmen. Einmal, erzählt er lachend, lockte er damit versehentlich einen Löwen ans Zelt.

CAMP MACATOO – ZWISCHEN WILDNIS UND KOMFORT

Das Camp Macatoo von African Horseback Safaris liegt tief im westlichen Okavango-Delta, auf einer Insel zwischen zwei Flussarmen, umgeben vom schier endlosen Wasserlabyrinth des Okavango. Blicke bis zum Horizont – und der Boma-Feuerplatz ist das Zentrum für gesellige Runden am Abend. Acht großzügige Zelte stehen auf Holzplattformen, getrennt durch Schilf und Schatten. Jede Unterkunft hat eine Veranda mit Liegestühlen und Hängematte, eine Dusche, sogar eine Badewanne in der Honeymoon-Suite. Zwei Zelte sind über Stege verbunden – ideal für Familien oder enge Freunde.

Im Hauptzelt treffen Holz, Stoff und Weite aufeinander. Eine kleine Bibliothek, Ledersofas, eine Bar, ein Pizzaofen, ein Pool mit Holzdeck und Hängematten – alles scheinbar beiläufig, doch gekonnt in die Umgebung eingewoben. Abends brennt das Feuer in der Boma, Geschichten flackern durch den Rauch, Gin-Gläser klirren kurz auf, dann tritt wieder die Stille ein. Dieser Ort will nichts beweisen. Er lebt im Gleichgewicht

DAS AUFWACHEN: DIE SAFARI BEGINNT

Im fahlen Dunst schnauben unsere Pferde, noch hinterlassen ihre Körper lange Schatten auf dem Gras. Der Blick durch die Linse fängt ein Bild ein, das atmet. Reiter werden zu Silhouetten – sie sind bereit für alles, was der Tag bringen mag. Ich fühle eine Anspannung, die mich immer ergreift, wenn Unerwartetes vor mir liegt. In wenigen Minuten werden wir eintauchen…