Das Biest von Nazaré

Text: Thorsten Sierwerk

Fotos: Red Bull Content Pool, Tomás Fernandes, World Surf League/Manel Geada, Damien Poullenot 

Die Wellen rollen herein wie ein uralter Fluch, dunkelblau und hoch wie ein Mehrfamilienhaus. Hunderte Meter vor der Küste brechen sie mit einem Grollen, das den Boden vibrieren lässt, während Gischtfontänen himmelhoch explodieren. Hinter dem roten Leuchtturm von São Miguel Arcanjo ist in der Ferne ein winziger Punkt erkennbar – ein Surfer, der mit Jet-Ski-Unterstützung eine 15-Meter-Wand hinabstürzt. Willkommen bei Praia do Norte in Nazaré, wo sich Wassermassen zu lebendigen Wänden auftürmen – den größten, die je gesurft wurden. Geformt werden sie vom Nazaré Canyon, einem 210 Kilometer langen Tiefseegraben, der die Kraft des Atlantiks bündelt wie ein Brennglas. Keine zwei Wellen sind gleich, aber alle haben eins gemeinsam: wer sich ihnen stellt, geht ein lebensgefährliches Risiko ein.

Der Startschuss für die Tudor Nazaré Big Wave Challenge fiel am 14. Dezember, als der Atlantik vor dem Praia do Norte einige der größten Wettkampfwellen aller Zeiten lieferte. Über 10.000 Zuschauer säumten die Klippen von Nazaré, um diesem Spektakel beizuwohnen.

Die Bedingungen forderten aber nicht nur die Surfer, sondern auch die Safety- Crews, die bis an ihre Grenzen und darüber hinaus gehen mussten. Hinter jedem Takeoff in Nazaré steht ein System. Jetskis. Spotter. Sicherheit. Menschen, die wissen, wann ein Set kommt, wie man jemanden aus der Waschgasse holt. Sozusagen ein „unsichtbares“ Team, ohne das kein einziger Rekord aufgestellt werden kann.

Lucas „Chumbo“ Chianca sorgte früh für einen der heftigsten Momente des Tages. Nach einem brutalen Wipeout wurde der Brasilianer nahe der Felsen unter Wasser gehalten – und verdankte seine Rettung Big- Wave-Legende Sebastian Steudtner, der blitzschnell eingriff. „Das war einer der härtesten Wipeouts meines Lebens. Sebastian hat mir direkt vor den Felsen das Leben gerettet“, fasst Chumbo den für ihn real gewordenen Alptraum zusammen, der ihn jedoch nicht davon abhielt, im Anschluss eine legendäre Performance abzuliefern.

Neun Zweierteams traten in sechs 40-minütigen Heats gegeneinander an, wobei die Paare abwechselnd surften und auf dem Jetski saßen, um Chumbo gelang es in diesem System einmal mehr zum absoluten Star der Show in Portugal zu avancieren. Mit einem Score von 23,60 Punkten sicherte er sich den Award für die Best Male Performance und gewann hauchdünn

vor Portugals Nic von Rupp. Den Team-Award holten sich Nic von Rupp und Clément Roseyro. Chianca und Pedro „Scooby“ Vianna landeten nur 0,06 Punkte dahinter auf Rang zwei – ein denkbar knappes Ergebnis.

Bei den Frauen setzte Justine Dupont erneut ein Ausrufezeichen. Die Französin gewann zum zweiten Mal in Folge die Best Female Performance und holte bereits ihre fünfte Nazaré Trophäe. Mit präziser Wellenwahl und kompromisslosen Lines unterstrich sie ihren Status als Queen of Nazaré: „Es war ein wilder Tag, aber ich bin super happy mit meiner Performance. Nazaré ist ein ganz besonderer Ort – diese Wellen fordern alles von dir.“

Trotz dieser außergewöhnlichen Wellen im Dezember 2025 bleibt Sebastian Steudtner mit seiner 26,21-Meter-Welle vom 29. Oktober 2020 vor Nazaré im Big-Wave-Surfen offiziell der Rekordhalter nach Guinness. Auch wenn sich die Szene an dieser Tatsache immer wieder spaltet. Der Anstoß: die konkrete Höhenmessung…